Thor in Siglufjörður, Island — zwischen schneebedeckten Bergen und Fischerhafen

Digital ID: Auðkenni vs. deutsche eID — warum Island 10 Jahre voraus ist

Letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit, eine Präsentation von Digital Iceland zu erleben — dem Team, das Islands digitale Verwaltung aufgebaut hat. Was mich am meisten beeindruckt hat, war nicht die Technologie. Es war das Mindset.

Denn wenn ich in Deutschland über Digitalisierung spreche, kommt fast immer dieselbe Frage: “Was ist mit der 80-jährigen Oma, die kein Smartphone hat?”

In Island stellt niemand diese Frage. Dort lautet die Frage: “Wie kriegen wir die 80-jährige Oma mit?”

Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Aber es verändert alles.

Zwei Fragen, zwei Denkweisen

Ich verstehe die deutsche Frage. Sie kommt aus einer berechtigten Sorge — niemanden zurücklassen, an alle denken, kein System einführen, das Menschen ausschließt. Das ist ein guter Instinkt.

Aber in der Praxis führt diese Frage oft dazu, dass gar nichts passiert. Sie wird zur Begründung, abzuwarten. Die isländische Frage nimmt dieselbe Sorge ernst — und macht daraus einen Auftrag: Bau es so, dass alle mitkommen.

Und das Ergebnis spricht für sich: Im UN E-Government Development Index ist Island von Platz 19 (2018) auf Platz 5 (2024) geklettert. Im europäischen eGovernment Benchmark von Platz 11 (2020) auf Platz 4 (2024). Ein Land mit 384.000 Einwohnern — vor fast allen großen europäischen Nationen.

Was Island anders macht: Auðkenni und island.is

Auðkenni (isländisch für “Identifikation”) ist Islands elektronische ID. Sie funktioniert über eine App, die mit dem nationalen Personenregister verbunden ist.

So sieht mein Alltag in Island aus:

  1. Ich will mich bei meiner Bank einloggen
  2. Push-Nachricht auf dem Handy
  3. Face ID oder PIN eingeben
  4. Fertig — ich bin drin

Dasselbe gilt für: Steuererklärung, Arzttermin, Behördengang, Versicherungsvertrag, Rezept abholen. Ein System für alles.

Der rote Faden: die Kennitala

Was das Ganze zusammenhält, ist etwas, das die meisten außerhalb Islands nicht kennen: die Kennitala. Eine zehnstellige Identifikationsnummer, die jeder Isländer bei der Geburt erhält — und die als zentraler Schlüssel durch das gesamte System läuft.

Personalausweis? Kennitala. Bankkonto eröffnen? Kennitala. Steuererklärung? Kennitala. Arztbesuch? Kennitala. Auðkenni-App? Kennitala. Es gibt eine Nummer, ein System, eine Identität — und alles baut darauf auf.

Das klingt simpel, ist aber der Grund, warum in Island alles so nahtlos ineinandergreift. Es gibt keine getrennten Systeme, die mühsam miteinander sprechen müssen. Es gibt ein Fundament, auf dem alles steht.

Und darauf baut island.is auf — die zentrale Plattform für alle digitalen Behördendienste. Ein Portal, ein Login, alles an einem Ort. Steuererklärung in 15 Minuten (Daten oft schon vorausgefüllt), Rezepte digital, Behördenanträge ohne Warteschlange. Das Motto des Teams: “Moving data, not people.”

Das Interessante: Deutschland hat mit der Steuer-ID ein vergleichbares Instrument. Jeder Bürger bekommt sie nach der Geburt, sie ist lebenslang gültig, sie ist eindeutig. Die Infrastruktur existiert. Was fehlt, ist der nächste Schritt: sie als zentralen Schlüssel für alle digitalen Dienste zu nutzen — so wie Island es mit der Kennitala macht.

Die Nutzungsrate von Auðkenni? Nahezu flächendeckend. Nicht weil es Pflicht ist — sondern weil es so einfach ist, dass niemand auf die Idee kommt, es nicht zu nutzen. Auch die 80-Jährigen nicht.

Die deutsche eID: Technisch gut — praktisch unsichtbar

Die deutsche eID hat technisch alles, was sie braucht. Der Personalausweis hat seit 2010 einen NFC-Chip. Die Online-Ausweisfunktion existiert. Die AusweisApp2 funktioniert.

Das Problem ist nicht die Technologie. Es ist die Nutzererfahrung.

Mein letzter Versuch mit der eID:

  1. App herunterladen (AusweisApp2)
  2. Personalausweis bereithalten
  3. Transport-PIN eingeben (steht im Brief, den ich vor Jahren bekommen habe)
  4. Eigene PIN setzen
  5. Ausweis ans Handy halten — NFC-Verbindung herstellen
  6. Warten. Position korrigieren. Nochmal warten
  7. “Verbindung fehlgeschlagen” — von vorne

Nach 25 Minuten hatte ich es geschafft. In Island hätte ich in der gleichen Zeit zehn Behördengänge erledigt.

Die meisten Deutschen wissen nicht einmal, dass ihr Personalausweis eine digitale Funktion hat. Und die wenigen, die es wissen, nutzen sie kaum — weil der Prozess so umständlich ist.

Warum der Vergleich nicht ganz fair ist — und trotzdem lohnt

Bevor ich weitergehe, ein ehrlicher Disclaimer: Der Vergleich hinkt an einigen Stellen.

Island hat 384.000 Einwohner. Deutschland 84 Millionen. Island hat eine Zentralregierung, die alles koordiniert. Deutschland hat 16 Bundesländer, jedes mit eigener IT-Infrastruktur, eigenen Vergabeprozessen, eigenen Datenschutzbeauftragten. Was in Island eine Entscheidung ist, sind in Deutschland 17 — mindestens.

Der Föderalismus ist eine Stärke Deutschlands in vielen Bereichen. Bei der Digitalisierung wird er zur Bremse. Nicht weil die einzelnen Länder nicht wollen, sondern weil die Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Kommunen eine Komplexität erzeugt, die Island schlicht nicht hat.

Das verstehe ich. Und trotzdem glaube ich, dass der Vergleich lohnt — nicht um Deutschland schlecht zu reden, sondern um zu zeigen, was möglich ist, wenn man anders an das Problem herangeht.

Zwei Denkweisen, beide berechtigt

Der Unterschied liegt in der Herangehensweise:

  • Island: “Wie machen wir es so einfach, dass jeder es nutzt?”
  • Deutschland: “Wie stellen wir sicher, dass alles korrekt und sicher abläuft?”

Beides sind wichtige Fragen. Deutschlands Gründlichkeit bei Datenschutz und Sicherheit ist keine Schwäche — sie ist ein Wert. Und Island hat durchaus Bereiche, in denen die Schnelligkeit zu Problemen führt.

Was mich bei der Digital-Iceland-Präsentation beeindruckt hat: Die haben nicht mit der Technologie angefangen. Sie haben mit den Menschen angefangen. “Action before policy” — erst den Nutzen beweisen, dann die Prozesse drum herum bauen. In Deutschland ist der Weg oft umgekehrt: Erst die Verordnung, dann die Umsetzung — und der Nutzer kommt am Ende.

Der goldene Mittelweg wäre ein System, das beides schafft: die deutsche Gründlichkeit bei Sicherheit und Datenschutz — kombiniert mit der isländischen Konsequenz, den Nutzer trotzdem an erste Stelle zu setzen. Die Frage ist nicht “Sicherheit oder Einfachheit?”, sondern “Wie schaffen wir beides?”

Der kulturelle Faktor

Es gibt noch einen Punkt, den ich als Isländer in Deutschland beobachte: das Verhältnis zu Risiko und Vertrauen.

In Island vertraut man Systemen tendenziell schneller. Wenn etwas funktioniert, wird es genutzt. Wenn es nicht funktioniert, wird es repariert. In Deutschland wird oft erst gewartet, bis alles perfekt ist — was dazu führt, dass gute Lösungen spät oder gar nicht beim Nutzer ankommen.

Beide Ansätze haben ihren Platz. Aber bei der digitalen Identität zeigt sich: Ein System, das gut genug ist und genutzt wird, entwickelt sich schneller weiter als eines, das perfekt geplant ist und in der Schublade liegt.

Und zurück zur Oma: In Island hat man das System so einfach gemacht, dass es für alle funktioniert — auch für die 80-Jährigen. Das Ergebnis ist nicht trotz der Oma entstanden — sondern wegen ihr. Sie war nicht das Hindernis, sondern der Maßstab.

Was Deutschland von 384.000 Isländern lernen kann

Drei Dinge, die sich übertragen lassen — unabhängig von der Bevölkerungsgröße:

  1. Die richtige Frage stellen. Nicht “Was ist mit denen, die nicht mitmachen?” — sondern “Wie kriegen wir alle mit?” Der Unterschied klingt subtil, verändert aber die gesamte Herangehensweise.

  2. Ein System für alles. Keine zehn Apps für zehn Behörden. Ein Login, ein Portal, ein Nutzererlebnis. island.is zeigt, dass das funktioniert — und zwar besser als jede Insellösung.

  3. Adoption vor Perfektion. Ein System, das fast alle nutzen und das gut genug funktioniert, bringt mehr als eines, das perfekt sicher ist und das niemand nutzt. Sicherheit entsteht durch Nutzung und Iteration — nicht durch Abschreckung.

Mein persönliches Fazit

Als jemand, der zwischen beiden Welten lebt, sehe ich den Kontrast ständig. Wenn ich in Island bin, vergesse ich manchmal, dass Digitalisierung überhaupt ein “Thema” ist — weil sie einfach funktioniert. Wenn ich nach Deutschland zurückkomme, werde ich daran erinnert.

Digitalisierung ist kein Technologieproblem. Es ist eine Frage der Herangehensweise. Die Technologie existiert in beiden Ländern. Der Unterschied liegt darin, ob man mit den Bedenken anfängt oder mit der Lösung — und ob man beides zusammenbringen kann.

Deutschland hat alles, was es braucht: die Technologie, die Ingenieure, das Geld, und einen Datenschutz-Standard, um den uns viele beneiden. Was jetzt noch dazukommen darf, ist der Mut, den Nutzer konsequenter in den Mittelpunkt zu stellen — trotz Föderalismus, trotz Komplexität, trotz 84 Millionen statt 384.000.

Und die 80-jährige Oma? Die sollte nicht der Grund sein, warum wir nicht anfangen. Sondern der Maßstab, an dem wir messen, ob wir es gut genug gemacht haben.

Denn wenn ein System gut genug ist für eine 80-Jährige auf einer Vulkaninsel im Nordatlantik, dann sollte es unser Anspruch sein, das auch hier zu schaffen.

Häufige Fragen

Ist die deutsche eID unsicher?

Nein — technisch ist die deutsche eID sogar sehr sicher. Das Problem ist nicht die Sicherheit, sondern die Nutzererfahrung. Der Aktivierungsprozess ist komplex, und die wenigsten Dienste sind angebunden. Das Ergebnis: Die meisten Deutschen nutzen die Online-Ausweisfunktion nie.

Kann Deutschland von Island lernen — trotz der unterschiedlichen Größe?

Ja — aber nicht 1:1 kopieren. Islands Vorteil ist die Größe und die zentrale IT-Koordination. Was übertragbar ist: die Denkweise. Nutzerfreundlichkeit als oberste Priorität, ein zentrales Portal statt fragmentierter Lösungen, und der Mut, iterativ zu verbessern statt auf die perfekte Lösung zu warten.

Was ist island.is?

island.is ist Islands zentrale digitale Plattform für Behördendienste. Alle öffentlichen Services — von der Steuererklärung bis zum Rezept — sind über ein einziges Portal erreichbar. Es ist Open Source und wird vom Team “Digital Iceland” entwickelt und betrieben.


Wie sind eure Erfahrungen mit digitaler Identifikation? Nutzt ihr die eID-Funktion eures Ausweises — oder wartet ihr auch noch auf den Tag, an dem es einfach funktioniert? Schreibt mir auf LinkedIn — ich bin gespannt.